Der Chef der US-Umweltschutzbehörde EPA will mit der Kontrolle von Schadstoffen aus Gas- und Kohlekraftwerken nichts mehr zu tun haben. Schon jetzt gelten fast keine Grenzwerte mehr. Das fördert den Bau umstrittener KI-Rechenzentren.
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Klimakrise
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Seit mehr als 20 Monaten zerstört die Trump-Regierung systematisch den Umwelt- und Klimaschutz in den USA. Sie hat Vorschriften, Standards und Grenzwerte abgeschafft, Forschungszweigen Mittel gestrichen und Abteilungen in Bundesbehörden geschlossen.
Im vergangenen Herbst habe ich für eine SPIEGEL-Recherche in Washington und New York mit Forschenden und ehemaligen Mitarbeitenden der US-Umweltschutzbehörde EPA über Trumps Politik gesprochen (
lesen Sie hier mehr dazu (S+)). Damals sagte mir die ehemalige Direktorin des EPA-Wasserprogramms, Betsy Southerland, für sie breche eine Welt zusammen.
Über 30 Jahre habe sie in ihrem Job alles dafür getan, dass sich in den USA die Wasserqualität in Flüssen und Seen verbessere, erklärte sie. »Als ich in den Achtzigerjahren begonnen habe, waren viele Gewässer heillos verschmutzt mit Abfall, Schwermetallen und Schadstoffen.« Southerland etablierte Wasserschutzstandards und setzte sie durch. Die US-Regierung nehme vieles davon nun zurück: »Jahrzehntelange Arbeit zerstören sie in wenigen Monaten«, sagte sie fast wütend in unserem Interview. Der Kahlschlag der aktuellen US-Regierung sei »beispiellos« und »verheerend«.
Proteste vor der EPA-Zentrale in Washington kurz nach dem Antritt von US-Präsident Donald Trump
NurPhoto / IMAGO
Ihr Fazit: Die Zerstörung der Behörde treffe nicht nur die Umwelt, sondern auch die öffentliche Gesundheit. »Es trifft zuerst Kinder, Kranke und Arme«, sagt Southerland.
Trump will Klimaregeln für Gas- und Kohlekraftwerke komplett abschaffen
Die Prognose könnte ein Jahr später nicht aktueller sein.
Diese Woche hat die US-Regierung die Auflagen für den Treibhausgasausstoß für Kohle- und Gaskraftwerke gestrichen. Donald Trumps Vorgänger, US-Präsident Joe Biden, hatte den Stromkonzernen 2024 auferlegt, den CO₂-Ausstoß dieser Kraftwerke schrittweise um bis zu 90 Prozent zu senken. Es galten seither strengere Effizienzstandards etwa für neue Gaskraftwerke, damit diese langfristig auf klimafreundlichen Wasserstoff umstellen.
Diese Standards sind nun abgeschafft. Lediglich beim Ausstoß von Schadstoffen wie Quecksilber oder Arsen müssen sich die Betreiber noch an Grenzwerte halten, die zuvor ebenfalls abgeschwächt wurden. Auch diese Schadstoffregularien stehen nun jedoch vor dem Aus.
EPA-Chef Lee Zeldin hat am Montag vorgeschlagen, seine Behörde solle künftig gar nicht mehr befugt sein, Emissionen zu regulieren, weder die von Treibhausgasen noch die von Schadstoffen wie Quecksilber oder Arsen. Damit könnten Kraftwerke bald ohne Limit emittieren. Treibhausgasemissionen von Kraftwerken hätten »keinen wesentlichen Einfluss auf den globalen Klimawandel«, teilte
die EPA mit. Und weiter: »Mögliche gesundheitliche Schäden für die Bevölkerung sind zu unsicher, spekulativ …, um sie konkret dem US-amerikanischen Energiesektor zuzuordnen.« Damit wäre die EPA nicht mehr zuständig – und damit auch nicht mehr die US-Regierung. Es wäre die komplette Deregulierung.
Ankündigungen des EPA-Chefs Lee Zeldin in Houston am Montag: Schrittweise Entmachtung der eigenen Behörde
Ronaldo Schemidt / AFP
Bereits im Februar hatte die EPA eine wichtige Grundlage des US-Klimaschutzes abgeschafft: die sogenannte Gefährdungsfeststellung (»Endangerment Finding«) von 2009. Sie besagte, dass Treibhausgase die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen gefährden. Auf dieser Grundlage hatte die EPA Grenzwerte für den Treibhausgasausstoß von Autos und Lastwagen erlassen.
KI-Datenzentren: Freifahrtschein für die Luftverschmutzung
Dass die EPA gerade jetzt Klimaregeln für Kraftwerke abschafft, dürfte auch am enormen Strombedarf der KI-Rechenzentren liegen, die gerade im Land entstehen. Laut der Energiedatenplattform Cleanview gibt es bereits über 1200 solcher Rechenzentren, mehr als 2000 sind in Planung. Viele werden mit Strom aus Erdgas betrieben. Es befinden sich laut Expertenschätzungen landesweit mindestens 82 Gaskraftwerke im Bau oder sind geplant, um Rechenzentren mit Strom zu versorgen. Einige KI-Fabriken installieren auch eigene Gasturbinen.
Das KI-Wettrennen könnte sich beschleunigen, wenn es noch weniger Vorschriften gibt.
KI-Rechenzentrum in Texas: Gigantischer Strombedarf – auch gedeckt durch Erdgasturbinen direkt am Werk
Brandon Bell / Getty Images / AFP
Eine Studie von US-Forschenden warnt, dass die jährlichen Gesundheitskosten durch die Luftverschmutzung der US-Rechenzentren im Jahr 2028 bis zu 20 Milliarden Dollar betragen könnten. Demnach wären rund 600.000 zusätzliche Asthmakranke und 1300 vorzeitige Todesfälle möglich. Oftmals leben gerade sozial Schwache und Minderheiten nahe an Industrieanlagen oder Gewerbezentren.
Die Kinderärztin und ehemalige EPA-Mitarbeiterin Lynn Goldman erklärte in der »New York Times«, sie sei stark beunruhigt, dass die EPA Regeln »im Namen der Beschleunigung des Ausbaus von Rechenzentren« abschaffe, die Menschen vor verschmutzter Luft schützen sollten. Beim Verbrennen von Erdgas entweichen neben CO₂ auch Stickoxide, Feinstaub und Formaldehyd.
Über die Folgen für die Anwohner habe ich im Februar dieses Jahres berichtet, am Beispiel der Stadt Southaven im US-Bundesstaat Mississippi. Dort gab es damals Proteste gegen ein neues Rechenzentrum von Elon Musks Firma xAI und mobile Gasturbinen. Diese wurden auf Lkw-Schleppern installiert und belasteten die Luftqualität der Stadt. (Lesen Sie hier mehr (S+).)
Mein Kollege Claus Hecking, US-Wissenschaftskorrespondent des SPIEGEL, ist in den vergangenen Monaten nach Indiana gereist und hat dort Menschen getroffen, die gegen die KI-Zentren protestieren. »Sie fürchten, sie könnten ihren Arbeitsplatz durch KI verlieren, andere bangen, der Lärm der Rechenzentren könne ihre Gesundheit gefährden. Sie sorgen sich, in das Grundwasser könnten giftige Rückstände austreten oder rechnen damit, dass ihre Grundstücke durch benachbarte Rechenzentren an Wert verlieren und die Energiekosten weiter steigen, weil Serverfarmen enorm viel Strom verbrauchen und ihn dadurch verknappen«, schreibt Claus. (
Lesen Sie hier mehr (S+).)
Die Gegner von EPA-Chef Zeldin haben angekündigt, die Abschaffung der Klimavorschriften für Kraftwerke juristisch anzufechten. Meredith Hankins von der Umweltgruppe Natural Resources Defense Council sagte der Nachrichtenagentur AFP, sie freue sich bereits darauf, die Verantwortlichen »vor Gericht zu sehen«. Solche Gerichtsverfahren können jedoch Jahre dauern. Verlieren die Kläger, wäre das die endgültige Entmachtung der Umweltbehörde EPA. Und damit auch das Ende einer zentral regulierenden US-Klimapolitik.
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